Identitätsmarken gibt's auch für die Kleinsten (Foto: Hasse Holmberg/Scanpix)

„Todesplakette” - Standard für alle

Im Kalten Krieg hatten die Schweden vor allem eine Sorge – dass sie von der Sowjetunion überrannt werden könnten. Deswegen traf das neutrale Königreich Vorkehrungen, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein. So erhielt jeder Bürger eine militärische Identitätsplakette, die er sich zu Kriegszeiten umzuhängen hatte. Heute, 15 Jahre nach dem Zerfall des Sowjetimperiums, wirkt dieser Brauch zwar etwas überholt. Trotzdem werden die Plaketten weiterhin hergestellt.

Schweden ist ein friedliches Land, ein modernes Land. Seit Napoleon war Schweden nicht mehr in einen Krieg verwickelt. Da kann man als Deutscher nur neidisch werden. Klar, dass ich meinen Nachwuchs lieber in Schweden als in Deutschland zur Welt kommen lassen wollte.

Doch, kaum war mein Kind ein Jahr alt, folgte die Vertreibung aus dem Paradies – in Form eines unscheinbaren DIN-C-6-Umschlags von der zentralen Steuerbehörde in Malmö.

Eine funkelnde Plakette

Darin befand sich eine silberne Metallkette mit einer funkelnden Plakette. Darauf waren der Name meines Kindes sowie seine schwedische Sozialversicherungsnummer eingestanzt. Im beiliegenden Schreiben wurde mein einjähriger Spross aufgefordert, seine Identitätsplakette sicher zu verwahren und sie sich im Verteidigungsfall um den Hals zu hängen.

Welcher Verteidigungsfall?

Ich war verwirrt. Sollte mein unschuldiges – wohlgemerkt deutsches - Kind zu schwedischen Verteidigungszwecken eingespannt werden? Und überhaupt, welchen Verteidigungsfall meinte die Steuerbehörde eigentlich? Sogleich rief ich beim zuständigen Beamten in Malmö an. Mikael Kusel war sein Name und er hatte mir in unpathetischem Tonfall lediglich das mitzuteilen, was ich ohnehin schon wusste:

„Alle einjährigen Kinder bekommen diese Plakette zugeschickt, damit sie sie im Kriegsfall einsetzen können. Denn die Gefahr ist immer noch aktuell.“

Warum eigentlich diese Plakette?

Schön und gut. Wenn sich die Schweden immer noch bedroht fühlen – sei’s drum. Aber wozu exakt dient denn diese Plakette? Und weshalb mussten die Schweden mein deutsches Kind da mit reinziehen? Mit stoischer Ruhe wiederholte Mikael Kusel von der Steuerbehörde seinen Satz:

”Wie ich bereits gesagt habe, bekommen alle einjährigen Kinder, die in Schweden registriert sind, diese Plakette.“

Aber ein deutscher Staatsbürger darf doch gar nicht in der schwedischen Armee dienen, entgegnete ich etwas verunsichert. Dazu Mikael Kusel:

„Nein, das darf nicht.“ – „O.k. Aber man macht das trotzdem?“, frage ich. „Ja.“, sagt er und ich sage: „O.k.“

Der Kreis schliesst sich

Ich wurde den Eindruck nicht los, dass mir der freundliche Herr Kusel von der Steuerbehörde auch nicht weiterhelfen konnte. Doch auch meine weiteren Nachforschungen förderten nichts Neues zu Tage. Beim Verteidigungsministerium hiess es, für die Identitätsplakette seien seit zehn Jahren die Kreiswehrersatzämter zuständig. Und dort wiederum sagte man mir, die Plakette werde seit 1960 bei der Steuerbehörde in Malmö hergestellt. „Zu welchem Zweck denn?“, wollte ich wissen. Verteidigung, lautete die Antwort.

Es ist schön, mein Kind wachsen zu sehen. Jeden Tag lernt es neue Dinge. Ausserdem beginnt es Fragen zu stellen. Bald wird es mich fragen, warum es eine schwedische Identitätsplakette besitzt. Und ich werde lächeln und sagen: „Zur Verteidigung, mein Sohn.“ Kinder sind so neugierig.

Alexander Schmidt-Hirschfelder

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