Erstes Urteil gegen Genitalverstümmelung gefällt

Seit 1982 ist es in Schweden verboten, Mädchen und Frauen zu beschneiden. Doch bis zum ersten Urteil mussten mehr als 20 Jahre vergehen. Das Göteborger Amtsgericht sprach jetzt einen 41-Jährigen Einwanderer schuldig, die Verstümmelung der Geschlechtsorgane seine Tochter in Somalia veranlasst zu haben und verurteilte ihn zu vier Jahren Gefängnis. Ein wegweisendes Urteil.

Vor fünf Jahren war der 41-Jährige gebürtige Somalier mit zwei seiner Kinder in seine frühere Heimat gereist, um Urlaub zu machen. Doch was Anfangs nach einer spannenden Reise aussah, entpuppte sich für die Tochter als Alptraum: Ihr Vater liess sie vor einem Jahr beschneiden. Der heute 13-Jährigen gelang jedoch die Flucht in die schwedische Botschaft von Äthiopien, wo sie den Mitarbeitern von ihrer Genitalverstümmelung berichtete. Die Glaubwürdigkeit ihrer Aussage führte zur Verurteilung ihres Vaters in Schweden – für Alem Zemo vom Verein gegen Genitalverstümmelung ein grosser Schritt nach vorn:

”Ich bin froh, dass endlich ein Urteil gefällt wurde. Ich habe mich lange dafür eingesetzt, dass solche Fälle geahndet werden und jetzt ist ein Mann, der seine Tochter misshandelt hat, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden. Und das hilft dem Thema aus seiner Tabuzone. Denn es geht doch kein Elternteil hin und sagt, ich habe meine Tochter verstümmelt und kein Kind erzählt freiwillig, dass es beschnitten wurde.”

Menschen aus Somalia gehören in Schweden zur grössten Gruppe von Einwanderern aus Afrika. Und viele von ihnen halten an ihren Traditionen fest. Dazu gehört die Genitalverstümmelung, die äusserst schmerzhafte Beschneidung der weiblichen Geschlechtsorgane. Dabei werden die äusseren weiblichen Geschlechtsteile wie Klitoris, innere und äussere Schamlippen ganz oder teilweise mit Rasierklingen weggeschnitten. Die restliche Haut der Scheide wird wieder zusammen genäht, so dass Urin und Menstruationsblut nur noch durch ein kleines Loch abfliessen können. Ein Eingriff, der oft zu hohem Blutverlust führt, Entzündungen begünstigt und schwierige Geburten nach sich zieht, ganz zu schweigen vom grossen Schock, den der Eingriff ohne Betäubung bei vielen Mädchen und Frauen auslöst.
Seit 1999 wurde das Gesetz gegen die Genitalverstümmelung verschärft. Seitdem können auch schwedische Staatsbürger zur Rechenschaft gezogen werden, die ihre Frauen und Kinder ausserhalb Schwedens beschneiden lassen. Doch Gesetze allein reichen nicht aus, meint Meherit Dawit vom Verein gegen Genitalverstümmelung:

”Es gibt Länder, die haben seit Jahren Gesetze gegen die Geschlechtsverstümmelung. Im Sudan etwa gibt es das seit 1948. Trotzdem sind mehr als 90 Prozent der Frauen beschnitten. Da reicht das Gesetz nicht. Auch in den Schulen muss Aufklärung betrieben werden, im Gesundheitswesen und überall, wo Menschen mit Kindern zu tun haben. Es darf nicht länger verboten sein, darüber zu reden, dass es so eine Kultur der Beschneidung gibt. Und wenn etwas bedrohlich wirkt, muss man darüber sprechen können und den Eltern helfen.” 

Denn nur wer weiss, dass eine Misshandlung einen Namen hat, kann sich dagegen wehren. Auch in Europa, wo inzwischen hunderttausende Frauen betroffen sind. Das Urteil von Göteborg ebnet dafür in Schweden den Weg.

Agnes Bührig

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