Schwimmende Schären-Bibliothek

Jedes Jahr, jeweils im Mai und September, bietet die Stockholmer Abteilung der Staatsbibliothek einen besonderen Service an: Von Montag bis Freitag schickt sie das „bokbåt" hinaus in die Schären. Diese schwimmende Bibliothek legt pro Tag an mehreren Inseln an, um Bewohner, vor allem aber die dortigen kleineren Büchereien und Schulen, mit Lesestoff zu versorgen. Das klingt zunächst recht originell, fast exotisch in den Ohren eines Nicht-Schweden... Aber ist es das auch für Personal und Schärenbevölkerung? - schließlich feierte das Projekt 2003 bereits sein 50. Jubiläum...

Am dritten Tag seiner Herbsttour hat das Buchboot, die "MS Karl Johan", eine Mole der Schäreninsel "Runmarö" angelaufen. Die kleine weiße Motoryacht ist schon das vierte Schiff in der Geschichte des mobilen Buchdienstes. Im zweiten Weltkrieg war sie in Deutschland als Minenräumschiff im Einsatz; heute besteht ihre Ladung aus ungefähr 3 000 Büchern.

Vor Anker steht das Sortiment Anwohnern und Zugereisten nun für zirka zwei Stunden zur Verfügung. Sie können ein wenig schmökern und überlegen, welche Exemplare es sich zu leihen lohnt.

Über eine schwankende Planke gelangt der geneigte Bootbibliotheksbenutzer ins Innere. Links und rechts stapeln sich auf Tischen und Bänken Kisten voller Bücher, die wieder einsortiert werden müssen oder vorbestellt sind. Das Team der Mitarbeiter besteht diesmal ausschließlich aus Frauen, wird aber mitunter während der Woche ausgetauscht.

Zwar ist eine Reise auf dem Buchboot für viele von ihnen eine willkommene Abwechslung: Mahlzeiten aus der Kombüse, Übernachten in der Fremde... wirklich große Unterschiede zur Bibliotheksarbeit auf dem Festland gibt es ansonsten aber nicht, schildert Elena Vattén den typischen Ablauf: "An einem Tag fahren wir mehrere Landungsbrücken an. Dann helfen wir den Leuten beim Ausleihen der Bücher, beantworten ihre Fragen und nehmen Bestellungen entgegen."

Lektüre für ein halbes Jahr

Unter den Kunden ist auch die Betreiberin der kleinen Bücherei auf Runmarö, Rita Karlström. Die ältere Dame mit dem strengen Dutt steht vor den niedrigen Regalen im hintersten Raum des Schiffs und sucht nach neuen Titeln: "Es ist prima, dass wir auf diese Weise einen Zuschuss zu unserem eigenen Bibliotheksbestand bekommen. Natürlich haben wir ein gutes Sortiment, aber ein bisschen was extra ist immer schön.
Andererseits hätten wir gern etwas neuere Bücher und mehr Abwechslung... besser erhaltene Exemplare wären auch nicht schlecht." Die schwimmende Bibliothek hat trotzdem für jeden Geschmack etwas zu bieten: Besonders beliebt seien Krimis und Romane, aber auch Sach- und Kinderbücher.

Pia Landelius wohnt im Süden Runmarös und ist extra mit dem Fahrrad gekommen. Auf dem Kai belädt sie den Gepäckträger mit neuem Lesestoff. Ihr Zwergschnauzer "Tootsie" wedelt - beinahe erwartungsvoll - mit dem Schwanz. "Ich habe sehr viele Bücher mitgenommen und kann die Titel gar nicht alle aufzählen. Unter anderem habe ich ein Werk über Schifffahrtsgeschichte in den Schären geliehen. Es geht darin um eine der Inseln hier."

Wann wird sie all diese Wälzer lesen? Vielleicht in einer rauhen Winternacht am Kaminfeuer? "Ja, das ist wunderschön, dunkel und still. Du hörst nur den Wind draußen wehen. Und das Meer tost, wenn es stürmt."

50. Jubiläum

Der Bücher-Dienst zur See wird organisiert und in Stand gehalten von der schwedischen Staatsbibliothek. Genauer, von deren Unterabteilungen in Stockholm und den umliegenden Kommunen. Im Frühjahr 2003 wurde bereits das 50-jährige Jubiläum des Unternehmens "bokbåt" gefeiert.

Johann Åkman, Kapitän und Eigentümer der "MS Karl Johan" ist stolz auf sein Schiff und glaubt an den Erfolg des Konzepts. Wenn er keine Bücher und Bibliothekare transportiert, steht er mit "Karl Johan" für Charterausflüge zur Verfügung. Der graubärtige Mann mit weißer Kapitänsjacke und -mütze wirkt geradezu wie aus dem "Bilderbuch", wenn er mit leuchtenden Augen erzählt: "In den Schären ist es überall schön. Überhaupt ist dies hier die schönste Fahrt: eine ganze Woche draußen liegen… in Ruhe.. . und die Bewohner treffen und kennenlernen…"

Bestimmt ist es ein Erlebnis - das Buchboot; vor allem für das Personal, das normalerweise in öffentlichen Bücherhallen an Land angestellt ist.
Trotzdem wirkt die Tätigkeit auf der "MS Karl Johan" geradezu normal, vielleicht, weil sie schon so lange besteht. Das Buchboot ist kleiner und sorgt für weniger Ansturm als man annehmen möchte. Es ist eher Institution als Attraktion, eher Routine als Abenteuer.

Inka Thaysen

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